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FORM I: DAS GEHEIMNIS DER IMPROVISATION
Statement der Regisseure
Ausgangspunkt unserer Zusammenarbeit war die Idee, einen Spielfilm wie einen Dokumentarfilm zu drehen. Es gab weder ein Drehbuch noch einen vorgefertigten Handlungsstrang - alles wurde improvisiert!
Die Darsteller wussten nie etwas über die Aufgaben und Absichten ihrer Spielpartner und lernten sich erst am Drehort kennen. Die Geschichte wurde aus dem Augenblick heraus entwickelt und orientierte sich immer an ihren Hauptfiguren. Keine einzige Szene wurde wiederholt, jede Planbarkeit für Kamera und Schauspieler ausgeschlossen. Bis auf die Hauptfiguren wurden alle weiteren Schauspieler sozusagen "auf der Strasse" gecastet. Viele spielen sich selbst, z. B. an ihrem "wirklichen" Arbeitsplatz. Zufälle lenkten immer wieder in vielschichtiger Weise die Richtung unserer Arbeit und förderten unvorhersehbare Ereignisse zu Tage. Die Improvisation barg ein Geheimnis, und alle Beteiligten waren immer wieder aufgefordert, sich diesem Geheimnis zu stellen.

FORM II: DIE REGELN DER IMPROVISATION
Statement der Regisseure
Bei dem 81-minütigen Liebesfilm "Wenn der Richtige kommt" handelt es sich um einen vollständig improvisierten Spielfilm, den wir im Sommer 2001 in Mannheim und in der türkischen Stadt Adana gedreht haben.
Aufgrund der Erfahrungen bei früheren Filmen, die wir gemeinsam durch Improvisation realisiert haben, stellten wir vor den Dreharbeiten die folgenden Arbeitsregeln auf:
  • Die Geschichte des Films wird ausschliesslich durch Improvisation während der Dreharbeiten entwickelt. Unter Improvisation verstehen wir das Zusammenspiel von Intuition, Kreativität und Handwerk.
  • Höchstens drei Figuren der Handlung dürfen vor Beginn der Dreharbeiten festgelegt und mit Schauspielern besetzt werden, alle anderen Darsteller werden vor Ort aus dem jeweiligen Umfeld der Szene gecastet. Die Schauspieler sind nicht über Spiel und Absichten ihrer Spielpartner informiert. Keine Szene oder Einstellung wird wiederholt.
  • Die Kamera hat vor Drehbeginn keinerlei Informationen über Inhalt und Verlauf der Szene. Es wird nur an Originalschauplätzen unter den dort herrschenden Bedingungen gedreht.

"Der Geist eines Kunstwerkes ist seine Idee."
Michail A. Chekov

Vom Prinzip her wurde unser Spielfilm wie ein Dokumentarfilm produziert. Wir wollten die Grenze zwischen Fiktion und Realität gewissermassen aufheben und beides verknüpfen. Die dramaturgischen Entscheidungen orientierten sich an den Figuren, insbesondere an der Hauptfigur Paula: Was passiert, wenn Paula auf Ada trifft, auf Mustafa etc.? Die Antworten entstanden immer im Augenblick, während des Drehens. So stand vor Drehbeginn nicht fest, dass uns die Handlung des Films in die Türkei führen wird und ob sich Paula und Mustafa am Ende "kriegen" oder nicht!
Die Grundlage dieser Arbeitsweise waren klar definierte Charaktere. Konfliktpotential, das möglichst spannende Konfrontationen versprach, wurde in den Figuren angelegt, um es dann in den entsprechenden Begegnungen Szene für Szene weiterentwickeln zu können. Um uns diese Basis zu erschaffen, haben wir im Vorfeld der Dreharbeiten sehr viel Zeit darauf verwendet, gemeinsam mit den drei Hauptdarstellern deren Rollen auszuarbeiten.
Für Paulas Charakter wurden folgende Schwerpunkte gesetzt: Paula ist gut, vielleicht sogar in einem spirituellen Sinne. Sie lebt überwiegend in der Welt ihrer Vorstellungen ohne zu verstehen, warum sie so ist, wie sie ist. Sie ist eine starke Persönlichkeit, obwohl sie unsicher ist und obwohl sie von anderen Menschen für verrückt gehalten wird.
Wir fanden es sehr reizvoll, den Schauspielern so wenig Informationen wie möglich über unsere szenischen Absichten und die anderen Charaktere zu geben und sie zum ersten Mal am Drehort aufeinander treffen zu lassen. Die Neugier der Schauspieler auf ihre Spielpartner übertrug sich fast immer auf die Figuren, die sie spielten.
Auch der Kameramann bekam immer nur die nötigsten Informationen und war bei unserer Arbeitsweise quasi der erste Zuschauer. Er wurde zunehmend zum Mitspieler der Darsteller. Zuweilen irritiert die Kamera den Zuschauer und zwar immer dann, wenn sie selbst irritiert ist. Das Ergebnis ist roh und spröde, aber immer sehr nah an den Protagonisten.
Stefan Hillebrand und Oliver Paulus